Politik

Bildung in Deutschland

Das Bildungssystem befindet sich in Deutschland derzeit in einem mehrfachen Spannungszustand. Einerseits ist es föderal organisiert und zeigt deshalb unterschiedlichste Niveaus und Auswirkungen auf das Leben der Menschen, die es zwangsläufig durchlaufen. Dann kommen noch unterschiedliche Schullaufbahnen dazu, die mit unterschiedlich konzipierten Bildungswegen eine unterschiedliche Tauglichkeit für das Berufsleben erarbeiten. Und nicht zuletzt sollen die Schulen auch den Weg eröffnen die eigenen Stärken, Schwächen und Neigungen zu erkennen und auf dieser Grundlage den Kindern und ihren Eltern ermöglichen sich für einen Lebensweg und ein Berufsbild zu entscheiden.

Die CDU Fraktion am rheinland-pfälzischen Landtag hat heute in einem Pressegespräch ihre Thesen für die Bildungspolitik der Zukunft vorgestellt. Erfreulich ist, dass sie sich fest hinter das staatliche Schulsystem und die duale Berufsausbildung stellt. Auch der Verengung der Lehrpläne auf eine Spezialisierung für bestimmte Berufsbilder wird eine Absage erteilt. Als oberstes Bildungsziel wird eine breite Allgemeinbildung definiert, die die Schüler stark machen soll für ihr Leben.

Gefordert wird der Erwerb von Fähigkeiten wie Fragen stellen, sich selbst motivieren können, Abwägen und Einschätzen von Optionen, kritisch urteilen und sich an den Grundwerten unserer Verfassung zu orientieren. Das schließt die Heranbildung des mündigen Bürgers als zentrales Thema mit ein. Genau ein Jahrhundert sind die Deutschen keine Untertanen mehr und trotzdem ist diese Forderung weder eine Selbstverständlichkeit, noch wird sie umfassend erfüllt.

Bildung muss mehr sein als kleinteiliges Alltagswissen, das vom ständigen Wandel der Technik und Gesellschaft nur eine kurze Haltbarkeitsdauer erhält. Wer muss heute noch die Erstellung einer Blaupause beherrschen, wer noch das Läppen mit einem Lappen? Viele beruflichen Fertigkeiten werden inzwischen schneller museal als die Generationen Berufstätiger wechseln und das Weiterlernen, sich Fortbilden ist Teil jedes Berufs geworden.

Bildung muss deshalb den Schülern logisches Denken und die Grundstrukturen des sozialen und humanistischen Denkens erschließen. Dazu muss es auch die Kenntnis des ökonomischen,  künstlerisch-musischen und naturwissenschaftlichen Lebens erschließen, damit sich der erwachsene Mensch in Beruf und privatem Leben ein Bild der Dinge machen kann, mit denen er konfrontiert wird. Mit diesem generalistischen und umfassenden Bildungsziel schreibt die CDU das Humboldtsche Bildungsideal für das 21. Jahrhundert fort. Man kann die Thesen der CDU auch Humboldt 4.0 nennen. Ein Bildungsideal für die Ära der Digital Natives.

Vergessen wird im politischen Papier aber auch nicht, dass man die jungen Menschen nicht unvorbereitet auf die wichtige Frage der Berufswahl zulaufen lassen kann. Das Bildungssystem muss den Schülern eine verlässliche Perspektive über den mittleren Schulabschluss hinaus geben. Dazu gehört auch das Wissen um Berufsbilder, die Vielfalt der Möglichkeiten und eine Vorstellung über die Zukunft in einer globalisierten Welt, einem einigen Europa und einer anhaltenden Bedeutungsverschiebung der menschlichen Arbeit.

Gestärkt sehen will die CDU die Berufsbildenden Schulen, die anderen Schulformen der Sekundarstufe II gleich gestellt sein müssen. Als Stärke sieht man die breite Palette an Angeboten, die für alle Leistungs- und Begabungsprofile das Passende bietet.

Das Angebot der berufsbildenden Schulen reicht heute über den schulischen Teil der dualen Ausbildung bis hin zum Erwerb aller Bildungsabschlüsse der Sekundarstufe II. Die CDU sieht die berufsbildenden Schulen als wichtigste Aufsteigerschulen. Sie würden einer großen Zahl junger Menschen den Erwerb höherer Bildungsabschlüsse ermöglichen, die ins Studium und die berufliche Weiterbildung führen. Bei den berufsbildenden Schulen bleibe kein Abschluss ohne Anschluss.

Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die vertikale Durchlässigkeit der sozialen Gruppen und stellt eine wichtige Säule der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft dar. Schulsysteme wie in den USA, in denen ganze Teilbereiche wie Algebra als Grundanforderung preisgegeben werden und die Ausbildung privat finanziert werden muss, öffentliche Schulen nur das fünfte Rad am Wagen sind, solche Systeme können diese Durchlässigkeit nicht mehr fördern oder gar leisten. In Deutschland sind die öffentlichen Schulen bis hin zu den Berufsbildenden Schulen eine wichtige Gelenkstelle auf dem Weg in den tertiären Bildungsbereich oder die Berufstätigkeit.

Die Forderung der CDU hier Eltern und Schüler mit den Schulen besser zu vernetzen und die Berufsfindung und die Möglichkeiten verstärkt zu kommunizieren eine zukunftsweisende Forderung.

Dass die Schulen dies auch leisten können erfordere entsprechende Rahmenbdingungen, hier richtet sich die Kritik des Fraktionsvorsitzenden Christian Baldauf und der bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, Anke Beilstein, gegen die Landesregierung. Seit Jahrzehnten würden diese vernachlässigt und damit die Chancen rheinland-pfälzischer Kinder im nationalen und globalen Wettbewerb geschmälert.

So fordert man eine bessere Ausstattung der Berufsschulen mit Personal, da gerade hier mehr Förderbedarf und kleiner Klassen notwendig sind, um der Vielfalt der Fachberufe und Fertigkeiten Rechnung zu tragen. Eine Orientierung an der Gesamtschule mit ihrem anderen Profil an Schülern und Abschlusszielen wird den Anforderungen und den Schülern nicht gerecht.

Auch Zentralisierung bedeutet entweder weitere Wege für die Jugendlichen oder ein schrumpfendes Angebot. Damit wird wieder die soziale Durchlässigkeit gefährdet, das Entwicklungspotential einer ganzen Generation nicht ausgeschöpft und der Konkurrenzfähigkeit des Bundeslandes ein herber Schlag versetzt. Gerade in Zeiten in denen die freie Wirtschaft den Fachkräftemangel beklagt ist ein Innehalten oder Zurück bei der beruflichen Bildung kontraproduktiv und suboptimal.

Die CDU-Landtagsfraktion fordert, dass zu allen anstehenden Schulübergängen Schüler und Eltern bereits über die Bildungsperspektiven der berufsbildenden Schulen umfänglich informiert werden,  dass die strukturelle Unterversorgung der berufsbildenden Schulen mit Lehrerstellen zügig abgebaut wird und dabei gleichzeitig alle erforderlichen Anstrengungen unternommen werden, um qualifizierte Lehrer in den berufsbezogenen Fächern zu gewinnen. Außerdem sollen die berufsbildenden Schulen wie die allgemeinbildenden Schulen gleichwertig am Ganztagsschulprogramm zu beteiligen und vergleichbare Bildungsangebote an allgemeinen und berufsbildenden Schulen gleich auszustatten.

Auch soll vor dem Hintergrund von nur 68 Standorten berufsbildender Schulen in Rheinland-Pfalz und mehr als drei Mal so vielen Oberstufenstandorten der allgemeinbildenden Schulen der Stabilisierung von Standorten und Bildungsgängen an berufsbildenden Schulen ein deutlich höherer Stellenwert als bisher eingeräumt werden.

Die Bildungspolitiker der CDU wollen die Bedeutung der Berufswahlkoordinatoren betonen, da sie die Arbeit der Berufswahlkoordinatoren als maßgeblich für die Intensität und das Gelingen der Berufs- und Studienorientierung betrachten. Diese Arbeit verlange ein enormes Zusatzwissen, Kenntnisse über Betriebsabläufe und Berufsprofile. Zudem sei eine intensive Vernetzung mit den regionalen Betrieben und weiteren Akteuren notwendig. Das sei eine Aufgabe, die systematisch Vorbereitung erfordere. Die Forderung an die Landesregierung lautet deshalb

Deshalb fordert die CDU-Landtagsfraktion von der Regierung in Mainz eine Anpassung der Anrechnungsstunden der Berufswahlkoordinatoren an den tatsächlichen Arbeitsaufwand. Auch seien sie landesweit systematisch zu qualifizieren und im Rahmen dieser Qualifikation auch Betriebspraktika vorzusehen. Und für die Schülerschaft müsse es landesweit einheitliche Qualitätsstandards für die Betriebspraktika geben. Dazu soll die Vernetzung von Schulen zum Thema Ausbildungsmessen und Betriebspraktika vorangetrieben werden, damit die gut gelungenen Projekte, Ausbildungsberatungen und Praktikumsabläufe landesweit Vorbildwirkung entfalten können.

Dass die Opposition von der Regierung Selbstverständlichkeiten im Bereich IT-Ausbildung fordert sollte einem nicht wundern. Unverständlich ist jedoch, dass an 90% der Gymnasien und Gesamtschulen kein Oberstufen-Leistungskurs Informatik angeboten wird, dass auch die Verfügbarkeit freier WLAN-Hotspots an Schulen nicht die Regel ist und bereits 100% Abdeckung erreicht hat. Vor allem mit einer Bandbreite, die allen Schülern unabhängig von der sozialen Situation der Eltern einen unbegrenzten Zugriff auf die Informationen des Internets ermöglicht und in den Schulen vom Erwerb der entsprechenden Kompetenz begleitet wird. Auch Digital Natives haben nur den technischen Umgang mitbekommen, die kulturelle und sozialen Aspekte des Internets müssen auch sie erst erwerben. Auch hier sind die Lücken in Rheinland-Pfalz derzeit beängstigend. Dass Informatik und Internetkunde zum Regelunterricht werden müssen ist keine Forderung der CDU allein, es ist eine Offensichtlichkeit und einer der tragischsten Mängel. Wenn man auf Länder in Asien schaut, dann sieht man, dass Rheinland-Pfalz hier allenfalls Entwicklungsland ist und andere Bundesländer, mit Ausnahme eines gewissen Freistaats, allenfalls Schwellenländer.

Der Industrie 4.0 und der digitalen Gesellschaft der sozialen Netzwerke begegnet hier ein Jugend 2.0 und in manchen Gebieten ohne richtige Breitbandversorgung sogar nur eine Jugend 1.0 gegenüber.

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass es löblich von der Landtagsfraktion und ihren Bildungspolitikern ist, die Gleichstellung von akademischer und nicht-akademischer Laufbahn einzufordern, von Landesregierung, Eltern und Schulen ein entsprechendes Handeln und Bewusstsein einzufordern, solange die Gewerkschaften bei den Tarifen keine gleichwertige Bezahlung beider Laufbahnen erzielen, solange schielen die Menschen auf den Geldbeutel, das Monatseinkommen und die mögliche Rente und die unverzichtbare Arbeitswelt in Handel und Handwerk landet dann auf den hinteren Plätzen.

Hier ist auch ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel nötig und der beginnt mit der entsprechenden Honorierung dieser Berufe nicht nur mit dankenden Worten, sondern mit harter Münze oder entsprechenden Tarifabschlüssen.

Vielleicht sollte es einen Walk-Out-Day für alle mit nicht-akademischer Berufsausbildung geben, damit allen bewusst wird, wie wichtig diese Tätigkeiten sind. Dass der Chirurg nichts ist ohne die Pflegekraft in der Intensive-Care-Unit, dass der Bauingenieur nichts ist ohne den Schalungsbauer und dass auch die Bundeskanzlerin im Gestank ersticken würde, wenn keine Raumpflegerin ihr Büro sauber halten würde. Wir alle sind Teil dieses großen Ganzen, das man deswegen auch Volkswirtschaft nennt, deshalb ist es wichtig, dass auch alle verdienen, was sie verdienen.

All die netten Detaillösungen, die sich die Bildungspolitiker Baldauf und Beilstein einfallen lassen, sind wichtig und größtenteils unverzichtbare Schritte in die Zukunft. Sie laufen aber ins Leere, wenn nicht wieder gilt:

Jede Bildung muss sich lohnen – zu allererst auf dem Lohnzettel.